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Eine Woche im Palmenhain

Morgens räumen wir früh zusammen und fahren los, wir haben keine Lust mehr, hier zu bleiben. Wir halten sogleich Ausschau nach einem besseren, ruhigeren Platz. Den finden wir zum Glück auch nach wenigen Kilometern. Wir biegen einen Pfad zu einer Palmenplantage ein, wo wir auch gleich den Besitzer treffen. Dieser ist sehr nett und zeigt uns, wo wir campen können. Wir richten es uns hier gemütlich ein und geniessen unsere Bewegungsfreiheit ohne beobachtet zu werden. Hin und wieder laufen Arbeiter am Pfad vorbei, sie grüssen freundlich, laufen jedoch dann weiter. Nur einige Kinder sind auch hier sehr neugierig und beobachten uns, immerhin halten sie aber noch einen Mindestabstand von ein paar Metern, sodass es uns nicht weiter stört. Der Besitzer kommt hin und wieder bei uns vorbei um sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist. Er bringt uns frischgepflückte Manioks, Papaya und Palmenfrüchte. Im Gegenzug schenken wir ihm ein Stück Bananenbrot und Wassermelone. Hier sind wir jetzt bereits zwei Nächte und bleiben, solange wir dürfen. Wir machen Spaziergänge in die riesige Plantage, wo sie dem Djungel Terrain erkämpft haben. Hier kultivieren sie nun Ölpalmen, Kakao, Kaffee, Gummibäume, Avocados, Maniok und Bananen.


Die zwei Tage haben sich in sechs Tage ausgedehnt, da wir uns mit dem Besitzer der Plantage, Pascal, angefreundet haben. Wir durften ihn einen Tag bei seiner Arbeit begleiten. Er produziert Palmöl und besitzt selbst eine Presse, mit der er auch für andere Leute presst. Wir helfen mit und beobachten die spannenden Prozesse der Herstellung des Öls. Am Schluss kaufen wir ihm natürlich noch vom frisch produzierten Öl ab, da unser Vorrat eben zu Neige ging. Für unsere Arbeit werden wir mit Essen entlohnt, zuerst gibt es Kartoffeln und später Reis mit Sauce und Fisch. Letzterer ist hier ein seltener Luxus, den wir sehr zu schätzen wissen. Die ganze Prozedur dauert bis um 17.00 Uhr, einen so ausgefüllten Tag hatten wir schon längere Zeit nicht mehr, an Arbeit sind wir uns nicht mehr gewohnt :) Es war aber sehr spannend und schön, mithelfen zu können.


Pascal möchte uns am nächsten Tag sein Dorf zeigen, und wir stimmen natürlich gerne zu. Wir werden von ihm abgeholt und laufen gemeinsam zu seinem Haus. Auf dem Weg müssen wir etliche Hände schütteln und Bonjour, ca va’s beantworten. Montag ist hier der Ruhetag, man bereitet sich auf den Dienstags-Markt vor. Bei den Männern heisst das: auf der Veranda sitzen, über Gott (Ja, hier leben Christen) und die Welt sinnieren und mittags den ersten Palmwein kredenzen. Das Dorfleben läuft hier noch sehr gemächlich ab. Es gibt nebst der Feldarbeit nicht viel zu tun, keinen Strom und kein fliessend Wasser. Und so sitzt man(n) halt die meiste Zeit herum und plaudert.


Ich komme spontan auf die Idee, meine Haare flechten zu lassen. Pascal leitet netterweise alles in die Wege und organisiert Luci, die Zöpfli-Meisterin. Schnell hat sich das Unterfangen herumgesprochen und eine ganze Kinderschar versammelt sich um uns. Nach etwa eineinhalb Stunden hat Luci fertig geflechtet und die Kinder gehen wieder ihrer Wege. Bei meinem dünnen Haar halten die Enden jedoch nicht ohne Haargummi und so verspricht Luci, mir morgen noch Haargümmeli reinzumachen. Nachdem wir genug Palmwein getrunken haben, führt uns Pascal im Dorf herum und zeigt uns die Schule.

 

Wir dürfen/müssen in jede Klasse reinschauen. Die Kinder stehen alle gemeinsam auf, sprechen einen Begrüssungssatz und setzen sich wieder hin. Wir entdecken schlafende Kinder im Schulzimmer und auch sonst wirkt alles sehr chaotisch hier. Aber wenn zwei Weisse vor dem Fenster herumspazieren kann natürlich auch kein normaler Unterricht gemacht werden. Pro Klasse hat es etwa 55 Kinder, die auf engem Raum zusammensitzen. Einige Kinder haben eine kleine Tafel, auf der sie mit Kreide schreiben können. Schulbücher gibt es dann vereinzelt bei den höheren Klassen. Ein Grossteil des Unterrichts geschieht durch Vorsprechen der Lehrperson und Nachsprechen der Kinder. In dieser Schule werden Kinder von der 1. bis zur 6. Klasse unterrichtet, die weiterführende Schule befindet sich im nächsten Dorf, sieben Kilometer weiter. Wie viele Kinder jedoch dorthin gehen erfahren wir nicht. In Guinea geht nur etwa jedes zweite Kind überhaupt zur Schule, viele lungern den ganzen Tag irgendwo im Dorf oder vor der Schule herum.

 

Im Dorf wohnen etwa 4‘000 Personen und es gibt nur 2 Brunnen für die Bewohner. Wir beobachten jedoch auch, wie die Bewohner das Flusswasser direkt trinken. Die Ernährung hier ist eher einfältig, es gibt jeden Tag weissen Reis mit roter oder grüner Sauce mit viel Palmöl. Dazu vielleicht noch Bohnen oder Maniok. Viele Kinder haben daher auch einen Blähbauch der vom Proteinmangel herrührt.


Am Dienstag ist Markttag, wiederum holt uns Pascal bei der Plantage ab. Im Dorf kennt man uns jetzt bereits, die Aufmerksamkeit haben wir aber immer noch auf uns gezogen. Wir erleben das erste Mal, dass ein Kind Angst vor uns hat und lauthals losheult, als es uns sieht. Ich kaufe mir Mini-Haargümmeli, Luci macht sie mir in die Haare. Wir drehen eine Runde auf dem Markt und stocken unsere Vorräte etwas auf. Viele Guinea Francs haben wir jedoch nicht mehr übrig und wir werden bald in die Elfenbeinküste einreisen, sodass wir nicht mehr viel kaufen.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Bernadette (Donnerstag, 14 November 2019 18:22)

    Ihr Lieben
    Das sieht aber sehr spannend aus. Da habt ihr es aber schön. Tolle Frisur, Olivia. Wann kommt Lino dran mit Zöpfli?